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06.09.2010

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Krankenkassen
Kosten für Gesundheit: Sparen ja - aber wo?
Gesundheitsversorgung

Pharmakritiker: "Uns laufen die Kosten davon"

Die Krankenkassen sollen sparen, sagen die Apotheker. Die Ärzte sollen billigere Medikamente verschreiben, sagen die Kassen. Von "Mondpreisen der Pharmahersteller" spricht der oberste Arzneimittelprüfer Sawicki gegenüber tagesschau.de. Die Gesundheitskosten explodieren, es muss gespart werden - aber wo?

Von Wenke Börnsen, tagesschau.de

Vier Milliarden Euro fehlen den Gesetzlichen Krankenkassen voraussichtlich in diesem Jahr. Kostentreiber Nummer eins: Die Ausgaben für Arzneimittel. 2008 waren es 5,3 Prozent mehr als im Vorjahr, 2009 stiegen die Ausgaben sogar um fast sechs Prozent auf rund 30 Milliarden Euro.

Zum Vergleich: 1998 mussten die Kassen für Arzneimittel "nur" 17,7 Milliarden Euro ausgeben. Doch auch die Arzthonorare und Krankenhauskosten sorgen für das Milliardendefizit der Gesetzlichen Krankenkassen.

Rezept: Sparen

Die Folge der Kostenexplosion: Zusatzbeiträge. Erste Kassen legten bereits vor und verlangen zwischen acht und 37,50 Euro mehr pro Monat von ihren Versicherten. Die Kassen erhöhen also ihre Einnahmen, um die steigenden Ausgaben finanzieren zu können. Langfristig heißt das Rezept aber: Sparen. Die Ausgaben müssen sinken. Gesundheitsminister Philipp Rösler hat hier vor allem die Arzneimittelpreise im Auge.

"Weniger ist mehr"

Es gibt aber noch mehr Möglichkeiten für die Kassen, die Kosten zu drosseln. Zum Beispiel vor der eigenen Haustür: "Weniger ist mehr", sagt der Kölner Gesundheitsökonom Eckart Fiedler im Gespräch mit tagesschau.de. "Durch Fusionen lässt sich viel Geld sparen." 169 Gesetzliche Kassen gibt es derzeit in Deutschland, viele von ihnen haben nur einen Marktanteil von weniger als einem Prozent. "Nur größere und effizientere Kassen sind in der Lage, mit Pharmafirmen, Ärzten und Krankenhäusern Rabattverträge auszuhandeln" sagt Fiedler. Langfristig, so seine Prognose, müssen sich die Kassen über attraktive Rabattverträge profilieren, um im Wettbewerb mit anderen Kassen bestehen zu können.

Untersuchung beim Arzt (Foto: dpa) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Zuviel an Diagnostik? Ärzte sollen preisbewusster handeln. ]
Für das Milliardendefizit der Krankenkassen macht Fiedler aber auch die Apotheken mitverantwortlich. "Die Apotheker gewähren den Krankenkassen Preisabschläge, sozusagen einen Großkunden-Rabatt." Dieser Abschlag liegt derzeit noch bei 2,30 Euro pro Medikament. Auf Betreiben der Apotheker soll der Rabatt nun auf 1,75 gesenkt werden. Ein Schiedsgericht urteilte Anfang des Jahres bereits im Sinne der Apotheken, die Kassen legten aber Widerspruch ein. Der Ausgang ist offen. "Wenn sich die Apotheken durchsetzen, haben sie 370 Millionen Euro pro Jahr mehr in den Kassen", rechnet Fiedler vor. "Das sind 17.500 Euro pro Apotheke." Geld, das den Krankenkassen fehle.

In der Pflicht sieht Fiedler auch die Ärzte. Nach der Honorarreform, die ihnen erheblich mehr Geld zusicherte, "muss nun wieder finanziell der Deckel drauf." Zudem müssten sie preisbewusster handeln. "Wir haben ein Zuviel an Diagnostik und Medikamenten, die therapeutisch nichts bringen", sagt Fiedler.

Unsinnige Medikamentenflut

Peter Sawicki [Bildunterschrift: "Man braucht keine 70 verschiedenen Beta-Blocker": Arzneimittelprüfer Sawicki ]
"50.000 Medikamente sind in Deutschland auf dem Markt", sagt der oberste Arzneimittelprüfer, Peter Sawicki im Gespräch mit tagesschau.de. Der Chef des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) gilt als Pharmakritiker, die Nicht-Verlängerung seines Vertrags brachte Gesundheitsminister Rösler den Vorwurf der pharmafreundlichen Klientelpolitik ein. Völlig unsinnig nennt Sawicki diese Medikamentenflut. "Man braucht keine 70 verschiedenen Beta-Blocker." Anders als in anderen Ländern würde in Deutschland aber nicht geprüft, ob ein neues Medikament besser ist als ein anderes. "Es wird nur geprüft, ob es sicher ist und wirkt." Dann werde es zugelassen und die Kassen müssten es erstatten - zu Preisen, die die Hersteller festlegen. Sawicki prognostiziert: "Hätten wir ein Gesetz, das bestimmt, dass Präparate ohne Zusatznutzen nicht von den Kassen erstattet werden, dann würde die Hälfte der 50.000 Medikamente vom Markt fliegen."

Eine bundesweit einheitliche Liste mit rund 3000 Medikamenten könnte helfen. Gesundheitsökonom Fiedler hält den Vorschlag der Kassenärztlichen Bundesvereinigung für "ein gutes Modell". "Dann schreibt der Arzt nur einen Wirkstoff auf und der Apotheker sucht anhand der Liste ein geeignetes Medikament heraus."

Arzneimittelprüfer Sawicki geht weiter: Sobald geprüft sei, dass ein neues Präparat keinen Zusatznutzen habe, solle es in eine Festbetragsgruppe eingeordnet werden. In diesen Gruppen sind unter anderem die Nachahmerpräparate (Generika) zusammengefasst. Festbeträge sind in der gesetzlichen Krankenversicherung  Höchstpreise für bestimmte Arzneimittel: Übersteigt der Preis des Medikaments den Festbetrag, muss der Versicherte die Mehrkosten selber tragen.

Für Medikamente mit belegbarem Zusatznutzen schlägt Sawicki direkte Preisverhandlungen  zwischen Hersteller und Kassen vor. "Also: entweder Festbetragsgruppe oder Preisverhandlungen."

Zusatznutzen im Verhältnis zu den Kosten bewerten

Ein zweiter wichtiger Schritt ist für Sawicki die Kosten-Nutzen-Bewertung eines Präparats, zu der das Prüfinstitut beauftragt ist. Dabei werden die Präparate mit anderen Arzneimitteln und Behandlungsformen verglichen. Maßstab ist der Zusatznutzen für die Patienten im Verhältnis zu den Kosten. "Eine Kosten-Nutzen-Bewertung wäre in drei Monaten zu schaffen - wenn wir nicht gestört würden", sagt Sawicki. Doch die Industrie wolle die Verfahren verzögern.

Sawicki erhebt schwere Vorwürfen an die Pharmahersteller: Studien würden nicht veröffentlicht, das Verfahren durch Anhörungen gezielt verzögert. Auch der Druck auf das IQWiG sei enorm. So habe beispielsweise die FDP darum gebeten, freundlicher zu der Pharmaindustrie zu sein. "Aber wir können doch keine Studien fälschen", unterstreicht Sawicki. Seine Forderung an die Politik: "Ein Gesetz schaffen, nachdem alle neuen Medikamente zunächst in eine Festbetragsgruppe kommen, bis die Kosten-Nutzen-Bewertung abgeschlossen ist. Dann folgen direkte Verhandlungen mit den Kassen."

Buhmann Pharmabranche?

In der öffentlichen Debatte um Zusatzbeiträge scheint die Pharmabranche längst zum Buhmann geworden zu sein. Kein Wunder: Zweistellige Gewinne verbuchten die forschenden Pharmakonzerne 2009 - trotz Wirtschaftskrise. Ärzte und Krankenkassen werfen ihnen vor, überhöhte Preise für patentgeschützte Arzneimittel zu verlangen,  Ex-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt drohte einst mit gesetzlichen Sanktionen, und auch ihr Amtsnachfolger stimmt inzwischen in die Kritik mit ein.

Ein Apotheker nimmt Medikamente aus einer Schublade (Archivbild) (Foto: AP) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Keine Preisbeschränkung für neue Arzneimittel. ]
Das Problem: Pharmaunternehmen dürfen in Deutschland die Preise ihrer Produkte nach der Zulassung selbst festlegen. "Die Kassen fühlen sich diesem Preisdiktat hilflos ausgeliefert", sagt der Essener Gesundheitsökonom Jürgen Wasem gegenüber tagesschau.de. "Versicherte haben nach der Zulassung sofort Anspruch auf ein Medikament." Mit Hilfe eines gesetzlich vorgeschriebenen Zwangsrabatts könnte man zumindest kurzfristig sparen. "Dann gibt es ein Preismoratorium, also beispielsweise ein dreijähriges Verbot von Preiserhöhungen plus einem zehnprozentigem Rabatt für Krankenkassen."

Die Pharmabranche sieht sich zu Unrecht an den Pranger gestellt. "Die Vorwürfe sind ungerechtfertigt, denn die Preise sind stabil", stellt die Hauptgeschäftsführerin des Verbandes der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa), Cornelia Yzer, klar. Eine Verbindung zu ziehen zwischen Zusatzbeiträgen und steigenden Arzneimittelkosten sei "unredlich". Im Gespräch mit tagesschau.de gibt sie sich aber kompromissbereit: "Unser Angebot an die Politik lautet: mehr direkte Verträge mit den Krankenkassen direkt nach der Zulassung." Yzer warnt jedoch vor zusätzlichen bürokratischen Hürden für Innovationen nach der Zulassung: "Deutsche Patienten in die Warteschleife zu schicken, halte ich für falsch."

"Uns laufen die Kosten davon", entgegnet Pharmakritiker Sawicki. "Und die Mondpreise der Pharmaindustrie gehen zu Lasten der Solidargemeinschaft - egal, ob wir eine Kopfpauschale mit Sozialausgleich oder eine Bürgerversicherung haben." Wer im Gesundheitswesen wirklich etwas ändern wolle, müsse sich mit der Pharmaindustrie, den Apotheken, Ärzten und Krankenhäusern anlegen, sagt Sawicki. "Und dafür ist Rösler nicht der Richtige."

Fragen und Antworten:

Krankenkassenkarten (Foto: a (Hamann))
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Stand: 10.02.2010 14:40 Uhr

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